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DAS PORTRÄT

www.bernerzeitung.ch

Zeitung im Espace Mittelland

Montag, 17. November 2008

DANIELE PANTAN O Schweizer Dichter in der Fremde

O Schweiz! Don Quijote der Völker! Warum muss ich dich lieben!

Wie oft, in der Verzweiflung, ballte ich bleich die Faust gegen Dich entstelltes Antlitz!

Wie ein Maulwurf hütest Du deine Schätze. Es vermodert, was Du liebst,

und nur, was Du gering achtest, bleibt.

So beschreibt Friedrich Dürren-

matt in seinem Gedicht Schwei-

zerpsalm I die Heimat, seine

zwiespältige Liebe zum Vater-

land. So fühlt sich bisweilen Da-

niele Pantano, wenn er an die

Schweiz denkt. Zerrissen. Zwei-

felnd. Zurückgewiesen. Daniele

Pantano ist gleichsam Bürger

zweier Länder. Da ist auf der ei-

nen Seite die Schweiz, die Fami-

lie, das Zuhause. Da sind auf der

anderen Seite die USA, England,

der Job, die Möglichkeiten.

Der Fremde

Dies ist die Geschichte von ei-

nem,

der

in

den

90er-Jahren

nach Amerika auswanderte, um

Dichter zu werden – und es

schaffte.

Daniele

Pantano

schreibt und publiziert engli-

sche Gedichte. Und er arbeitet

als Übersetzer. Klingt wie das

kitschige, abgeschmackte Mär-

chen

von

der

Erfüllung

des

Traums, das

nur in

Amerika

möglich ist. Ist es auch. Irgend-

wie. Und gleichwohl ist sie auch

wahr, die Geschichte, die der 32-

Jährige an einem Herbstnach-

mittag in Langenthal erzählt.

«Das ist mein erstes Gespräch

in der Schweiz». Er beherrscht

das Berndeutsche noch immer

perfekt. «Im letzten Juli wurde

ich an die Uni Neuenburg einge-

laden, wo ich für englische Stu-

dis eine Vorlesung zu meinen

Gedichten hielt.» Sonst habe er

in der Schweiz keine Beachtung

gefunden.

Die

Anerkennung

des

Heimatlands

fehlt

ihm

spürbar. «Doch ich beginne von

vorn», sagt er augenzwinkernd

in der Sonne des Spätherbsts,

vor sich eine Tasse Kaffee.

Der Träumer

Der Sohn eines Sizilianers und

einer Deutschen kam am 10.

Februar 1976 in Langenthal zur

Welt. Zuerst lebte er in Roggwil,

dann in Lotzwil, und mit fünf

Jahren kam seine Familie nach

Langenthal. «Am Anfang war

ich ein super Schüler», erinnert

sich

Daniele

Pantano.

Dann,

mit einem Mal, habe sich ir-

gendetwas geändert, er wisse

nicht was, die Schule sei ihm

nicht mehr so wichtig gewesen;

er sei von Klasse zu Klasse «im-

mer schlechter geworden».

«Das Einzige, das mir irgend-

wann

noch

gefiel,

war,

schichten zu erfinden und sel-

ber nachzuspielen.» Draussen

im Wald wurde er etwa zum

Magier,

schlüpfte

in

fremde

Rollen.

Seine

Klassenlehrerin

wollte ihn damals nicht aufs

Gymnasium lassen. «Und an ei-

ner Lehre hatte ich sowieso kein

Interesse. Ich war ein Träumer.»

Auszug aus der Schweiz

Daniele Pantano spielte Tennis

im Dreilinden in Langenthal.

Deshalb ist er auf die verrückte

Idee gekommen, sich in Florida

an einer Tennisakademie zu be-

werben. Und im Dezember 1993

flog er kurzerhand nach Tampa,

mit 17 Jahren. Aber Tennis war

eigentlich überhaupt nicht sein

Ding. Der erste Tag auf dem

Platz ging voll in die Hose. Pan-

tano erzählt schmunzelnd: «Ich

musste

gegen

ein

Mädchen

spielen, das tat mir anfänglich

leid. Doch es zeigte sich sofort,

dass ich gegen sie gar keine

Chance hatte, und ich dachte

mir schon, aus einer Karriere im

Tennis wird wohl nichts.»

Schliesslich

wurde

er

von

Shakespeare

inspiriert.

«Ob-

wohl ich von der englischen

Poesie

kein

Wort

verstand,

empfand ich die Musik der Spra-

che .» Der Entschluss, Dichter zu

werden, war schnell gefasst; der

Weg dahin ging weniger rasant.

Reisen in die Schweiz

Die Heimreisen in die Schweiz,

nach

Langenthal,

begannen.

«In der Schweiz waren für mich

alle Türen zu», berichtet der

Langenthaler und trinkt seinen

Kaffee aus. «Ich bekam keinen

Job, konnte nicht an die Uni ge-

hen. Egal, welche Qualifikatio-

nen

oder

Veröffentlichungen

ich vorwies.» In den USA dage-

gen gingen die Türen für Panta-

no auf, ja standen sogar offen.

: Heimreise 1. Mit dem High-

School-Diplom wurde er an der

Berner Universität nicht zugelas-

sen. Zurück in Tampa konzen-

trierte

er

sich

aufs

Gedichte-

schreiben, allesamt schrieb er

auf Englisch. Aus Trotz. Aus Ei-

gensinn vielleicht. Und weil er

die Schweiz satt hatte. An der

University of South Florida stu-

dierte er Philosophie.

3: Heimreise 2. Mit dem

Bachelor in der Tasche, inzwi-

schen mit Nicole verheiratet,

wurde er in der Schweiz abge-

wiesen.

Zurück

in

Florida

unterrichtete er «Creative Wri-

top

ting», das Schreiben von Lyrik

und Gegenwartsliteratur.

05: Heimreise 3. Trotz Mas-

terabschluss

scheiterten

alle

Versuche, in der Schweiz Fuss

zu fassen. Also zurück nach Flo-

rida.

Er

unterrichtete

weiter,

schrieb Gedichte. Gedichte über

das Exilleben, über die Schweiz.

Der Übersetzer

«Und dann bin ich auf Dürren-

matt gestossen.» In der Biblio-

thek entdeckte er einen Sam-

melband mit Friedrich Dürren-

matts Gedichten, auf Deutsch.

«Seine Sicht der Schweiz hat

meiner geglichen», sagt Daniele

Pantano. «In seinen Gedichten

ist Dürrenmatt viel direkter als

in den Romanen und Theater-

stücken.» Weil es vom Dichter

Dürrenmatt

keine

adäquate

englische

Übersetzung

gab,

machte er sich selbst daran. Im

Dezember

erscheint

nun

das

Buch «The Possible Is Mons-

trous». Der Grundstein ist ge-

legt: 2009 kommt eine Samm-

lung von Pantanos eigenen Ge-

dichten heraus. 2010 erscheint

eine englische Übersetzung der

gesammelten

Gedichte

von

Georg Trakl. Und sein nächstes

Poet, Dozent, Abgewiese-

ner: Daniele Pantano (32)

wanderte nach Amerika

aus, um Dichter zu wer-

den. Er lebte in Tampa,

Florida, jetzt unterrichtet

er in Liverpool. Wirklich zu

Hause ist er aber nur in

Langenthal.

D I E Ü B E R SE T Z U N G

Dürrenmatt als Dichter

Friedrich Dürrenmatt (1921–

1990) ist in erster Linie als Au- tor von Romanen und Theater- stücken bekannt – selbst in den USA. Als Dichter wird er meist vernachlässigt – vor al- lem in den USA. Mit der engli- schen Übersetzung «The Pos- sible Is Monstrous: Selected Poems

by

Friedrich

Dürren-

matt»

diese

will

Lücke

Daniele

Pantano

Das

schliessen.

   Buch erscheint im Dezember bei Black Lawrence Press, New            York, und enthält 40 Ge-

dichte. Die deutsche Samm- lung ist erstmals 1993 im Dio- genes-Verlag unter dem Titel «Das Mögliche ist ungeheuer» veröffentlicht worden.

nnh

Projekt will er Robert Walser

widmen.

:

Fast-Heimreise

Der

Dichter wollte mit seinen 7 und 4

Jahre alten Kindern, Fiona und

Giacomo, nach Langenthal zu-

rückkehren. Doch es kam an-

ders: Auf eine Bewerbung für

eine

«Creative-Writing»-Dozen-

tenstelle an der Edge Hill Univer-

sity in England erhielt er einen

positiven

Bescheid.

«Das

war

wie ein Sechser im Lotto.» Nun

lebt Daniele Pantano mit seiner

Familie in Liverpool. «Trotz al-

lem», betont er, «ich möchte in

«Ich bin nur in Lan-

genthal daheim. In

Tampa habe ich mich

nie zu Hause gefühlt.»

Daniele Pantano

die

Schweiz

zurückkommen,

schon nur wegen der Kinder.»

Der Schweizer

«Das

ist

meine

Geschichte.

Wenn ich sie meinen Studenten

erzähle,

lachen

sie»,

sagt

er

zwinkernd in die Sonne, vor

sich die leere Kaffeetasse. Klingt

ja auch skurril, fast kitschig.

Ein Schweizer,

der

englische

Gedichte schreibt und Schwei-

zer Schriftsteller übersetzt.

«Ich bin nur in Langenthal

daheim», sagt er beinahe weh-

mütig. Innerhalb einer Minute

erkenne er hier alles wieder, die

Gesichter, die Strassen, die Plät-

ze; ganz gleich, wie lange er weg

war. Hier leben seine Freunde,

sein Vater, sein Bruder. «Weder

in Tampa noch in Liverpool ha-

be ich mich je zu Hause ge-

fühlt.» Das Englische ist auch

nach all den Jahren eine Fremd-

sprache für ihn, auch wenn er es

mittlerweile fast besser als das

Deutsche beherrscht. Zerrissen

fühlt er sich noch immer. Abge-

wiesen. Ihm ist die Fremde zur

zweiten Heimat geworden. In

der Heimat bleibt er fremd.

Ich liebe Dich anders, als Du geliebt sein willst.

Ich bewundere Dich nicht. Ich lasse nicht ab von Dir,

ein Wolf, der sich in Dich verbiss.

Nadja Noldin

 www.danielepantano.ch

Langenthal.

Mit 17 Jahren wanderte er nach Florida aus.

Im Kreuzfeld ging Daniele Pantano einst zur Schule.

Liverpool.

Daniele Pantano «Creative Writing» (Kreatives Schreiben).

An der Edge Hill University in England unterrichtet

zvg

Zu Hause.

hier fühlt er sich noch immer daheim – ganz egal, wie lange er fort war.

Hier an der Blumenstrasse 16 in Langenthal ist Daniele Pantano aufgewachsen. Und

Thomas Peter